"Oh süßer Venuskampf!"

Diploma 2012
(English translation in progress)


Die tödliche Gefahr der Onanie wurde im 18. und 19. Jahrhundert in zahllosen medizinischen Schriften unter anderem von Simone Auguste Tissot und John Harvey Kellogg propagiert. Die Wissenschaft der Zeit lehrte, dass das verschleudern des Samen und die epileptischen Zuckungen des Orgasmus schreckliche Folgen für den Menschlichen Organismus hätten. Nicht enden wollende Listen an Krankheiten wurden als Ergebnis dieses fleischlichen Lasters genannt, darunter Rücken- und Magenbeschwerden, Kreislauf schwäche und ein schwaches Immunsystem, Unfruchtbarkeit und Hysterie bis hin zum Tode.

Die Patienten wurden oftmals die Hände ans Bett gebunden, damit sie ihre Genitalien nicht erreichen konnten, auch das Anbringen von mit Stacheln besetzten Handschuhen oder das Einschnüren der Hände war eine anerkannte Praxis. Keuschheitsgürtel kamen vermehrt zum Einsatz um den Zugang zu den Genitalien zu verwehren.

Während dieser medizinischen Fokussierung auf das Geschlecht, herrschte in der Gesellschaft das Ideal des unschuldigen Kindes, das nichts von den Sünden des Geistes und des Fleisches weiß. Daher war man in der Erziehung bestrebt dieses Ideal der Reinheit besonders lange zu erhalten. Dies führte zu einem tiefgehenden Unwissen der Menschen über den Körper, vor allem alles Geschlechtliche betreffend.

Was mich in meiner Arbeit fasziniert ist die Spannung zwischen dieser den Körper negierenden Gesellschaftseinstellung bei gleichzeitiger medizinischer Fokussierung auf das Geschlecht. Ich glaube, dass nur in dieser Konstellation solche körperverachtenden medizinischen Maßnahmen getroffen werden konnten. Die Unwissenheit der Bürger über den Körper setzt eine grundsätzliche Verachtung dieses Körpers voraus, eine Scham und ein Schuldgefühl diese unzureichende Hülle zu besitzen. Deren menschliche Fehlbarkeit, ja Menschlichkeit, niemals an die moralischen Vorstellungen von seelischer Reinheit herankommen könnte, die die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts sich selbst gesetzt hatte. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass dieser Körper für seine Fehlbarkeit des Fleisches, mit der er den Geist und die Seele seines Besitzers plagt, bestraft wird. Dieser Kampf des Menschen mit seinem Körper und die Waffen die er dabei einsetzt ist der Schlüssel meiner Faszination mit dieser Zeit und auch der Mittelpunkt meiner Arbeiten.

Ausgehend von diesen restriktiven Praktiken habe ich Menschen in extremen Emotions-Momenten dargestellt. Diese, wie eingefroren wirkenden Augenblicke stellen besonders sensible Momente des Individuums im Zwiespalt mit dem eigenen Körper dar. Die Theatralik und die starke Inszenierung stellen sehr intime Handlungen in deren Privatheit in frage. Die Figuren wirken eher wie im Scheinwerferlicht auf einer Bühne überrascht, wo sie sich plötzlich all ihrer Handlungen in greller Klarheit bewusst werden. Der Harte Kontrast zwischen der gemalten Figur und dem unbearbeiteten weißen Hintergrund verstärkt den Eindruck des Deplatzierten und des Unbehagens und fokussiert den Blick allein auf jene Sekunde des extremen Bewusst seins ihrer selbst.

Die malerische Technik des Realismus, so wie ich es hier umsetze, Unterstützt für mich den Effekt des 'eingefrorenen', da der langwierige Arbeitsprozess die Momente auf eine Art konserviert, die ihnen jegliche Spontanität aber damit einhergehend auch 'Lebendigkeit' nimmt. Jene leblosen, perfekten 'Hüllen' für die reine Seele sind das menschliche Ideal einer vergangenen Gesellschaft aus der unsere heutigen Ansichten und Handlungsweisen gewachsen sind.

Innsgesamt geht es mir nicht um eine Illustration der Techniken, sondern um das Körpergefühl das diese auslösen. Basierend auf die Techniken zur Masturbationsprävention des 19. jahrhunderts möchte ich ein unbehagliches verwirrtes und vielleicht auch ängstliches Verhältnis mit dem eigenen Körper und auch dem Körper von anderen thematisieren.

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